Expedition Offline – Teil 2

Es dauert eine Weile bis wir unser diesjähriges Feriendomizil erreicht haben. Nach ungefähr 20 Stunden Autofahrt geht es jetzt nicht mehr weiter. Nur zu Fuß. Ich transportiere in meinem Rucksack alle Bekleidungsstücke der Familie. Mein Mann schleppt Angelausrüstung und Proviant, die Kinder sind ausgerüstet mit Kleinutensilien und einer medizinischen Notversorgung. Wir gehen über kleine, teils unbefestigte Wege, über Wiesen, durch Bäche, vorbei an rauschenden Wasserfällen. Nach etwa 2 Stunden sehen wir erstmals in der Ferne ein kleines Holzhaus, das sich einsam über einen See erhebt. Wir sind da. Endlich. Wir, und eine Herde Schafe. Sonst ist keine Seele weit und breit zu sehen. Kein zweites Ferienhaus. Keine Nachbarn, die uns in einer Notsituation helfen könnten. Kein Bäcker, kein Fleischer, keine Tankstelle, an der wir das vergessene Nutella-Glas einkaufen können. Nichts. Ich werde unruhig und ziehe vorsichtshalber mein Handy aus der Tasche, nur für den Notfall. Ich schaue auf´s Display und sehe … nichts. Kein Netz. Ich mache einen Neustart, damit es sich erst mal finden und orientieren kann in dieser neuen Umgebung. Aber auch nach 3 Neustarts immer noch der gleiche Anblick. Kein Netz. Das gibt es nicht. Als würde es die Situation irgendwie verbessern, fange ich an, mein Handy panisch zu schütteln. Wir sind doch in Europa, das kann nicht sein. Ich gehe ins Haus. Aber auch hier kein Netz. Jetzt bekomme ich Angst. Ich wusste ja, dass in unserer Hütte kein WLAN zur Verfügung steht und auch kein Strom und fließend Wasser, das hatten wir schließlich extra so ausgewählt, um unseren Kindern zu zeigen, dass man mit ganz wenig Mitteln auskommen kann. Und wie schön es vor allem ohne Handy sein kann. Ja, das stimmt. Aber dabei ging es mehr um all die Spiele auf den Geräten. Es ging um das Zocken und Chatten. Das hier ist doch etwas ganz anderes. Wir sind ganz alleine hier draußen.
Nachdem wir unser Domizil bezogen haben, verbringe ich den Rest des Tages damit, aus meinem Handy eine Wünschelrute zu machen. Ich komme mir vor wie ein Junkie. Damit der Rest der Familie nichts von meinen digitalen Entzugserscheinungen bemerkt, tarne ich mich mit Kapuzenpulli und krieche durch die Blaubeerbüsche vor unserem Haus auf der Suche nach Anschluss an die Zivilisation. Ich komme mir ein bisschen vor wie in der 10. Klasse, heimlich beim Rauchen auf dem Schulhof. Sobald meine Kinder in Reichweite sind, lasse ich mein Handy in die Blaubeerbüsche fallen. Aber der Zustand meines iphones bleibt auch nach einem halbem Liter Blaubeeren unverändert und so kapituliere ich an diesem ersten Abend.
Am nächsten Morgen werde ich nicht vom sonst üblichen Marimba-Klingelton geweckt, sondern vom Blöken einer Herde Schafe vor unserer Hütte. Ich weiß nicht genau wie spät es ist, aber dem Stand der Sonne nach zu urteilen, muss es etwas zwischen 9 und 10 Uhr sein. Schlaftrunken tappe ich die Holzleiter von unserem Schlafsaal hinunter in den Aufenthaltsraum. Ich schalte wie gewohnt mein Handy ein, um die Wetter-App zu checken, meinen Schrittzähler einzuschalten und alle Emails und Nachrichten zu lesen, die über Nacht so herein geflattert sein könnten. Statt einer Kaffeemaschine oder wenigstens einer Dolce Gusto finde ich einen Holzofen vor, der darauf wartet angefeuert zu werden. Langsam erinnere ich mich. Wir haben keinen Strom. Wir haben kein fließendes Wasser. Wir haben kein Auto. Wir haben keine Nachbarn. Wir haben Null-Empfang. Und wir haben das alles so gewollt. Ich könnte heulen. Wir haben verdammt nochmal nichts. Nichts, nichts, nichts. Nur diese Hütte, eine kleine Wasserquelle und den großen See voll mit Fischen, ein Boot und ungefähr 1 Million Blaubeeren und Holz und Instantkaffee. Selbst gemachte Marmelade, ein großes Brot, Mehl, Zucker, Eier, Butter, Nudeln, Würstchen, Expeditionsnahrung für den Notfall und Teebeutel, die wir 3 mal aufgießen können. Wir haben sehr viel Erfahrung dank meines Mannes. Wir haben riesige Bergwände, die sich links und rechts erheben und unserem Haus Schutz bieten. Wir können uns im Fluss waschen und am Bach die Zähne putzen. Wir haben die Sonne, den Regen, den Wind. Und wir haben uns. Was genau fehlt mir also, was mein Handy mir bieten könnte?
Ich komme mir blöd vor, weil mir klar wird, wie abhängig ICH eigentlich von diesem Gerät bin. Ich schalte es also aus und begebe mich in den digitalen Entzug. Freiwillig. Ich verlasse die virtuelle Welt. Dann mache ich echtes Feuer, hole Wasser und bereite das Frühstück. Es gibt Brot, Butter, Marmelade, ein kleines Stück Wurst für jeden und Blaubeeren, mit Zucker. Wir spielen Spiele mit echten Figuren und Karten, die wir selbst mischen. Wir gehen wandern und angeln und lesen dicke Bücher. Aus Papier, mit echten Seiten. Unsere Kinder denken sich Kunststücke aus. Und ich neue Ideen. Es gehen keine Smartphone-Displays zu Bruch, aber auch keine Schneidezähne oder Schlüsselbeine. Es gab nur eine dicke Lippe und wir haben einen Fußnagel verloren. Ansonsten haben wir auf unserer „Expedition Offline“ sehr viel gelernt. Zum Beispiel, dass wir nur in den Himmel schauen müssen, um zu wissen wie das Wetter wird. Dass die Sonne uns verrät, wie spät es ist und dass wir einen Schrittzähler gar nicht brauchen, weil wir uns hier draußen sowieso genug bewegen. Dass man zusammenfindet, wenn man sich nicht aus dem Weg gehen kann. Dass man nichts verlieren kann, wenn man nichts besitzt. Dass neue Ideen kommen, wenn man altes los lässt. Dass wir nichts vermissen müssen, weil wir uns ja schon haben. Und dass nicht meine Kinder ab und zu eine digitale Diät brauchen, sondern ich.

Diese Zeit ohne digitale Ablenkung war eine echte Erfahrung für mich. Offline auf Zeit kann ich Euch nur empfehlen und deshalb habe ich mir etwas für Euch ausgedacht. Zum Beispiel ein „Offline-Camp“ in der Rhön, mehr dazu gibt’s in den nächsten Tagen. Ich würde mich also freuen, wenn Ihr mir auch weiterhin gewogen bleibt.

Expedition Offline – Teil 1

Ich weiß noch genau wie unsere Urlaube waren, als ich noch klein war. Meistens sind wir mit unseremTrabant an den Senftenberger See gefahren und haben dort mit den polnischen Kindern aus dem Nachbar-Bungalow Federball gespielt. Oder Schnipsel gejagt. Oder Regenwürmer gerettet. Wir haben den ganzen Tag Kunststücke geübt und abends unseren Eltern Zirkus vorgespielt. Irgendwas ist dabei immer zu Bruch gegangen. Zum Beispiel das Schlüsselbein meiner Schwester oder mein rechter Schneidezahn. Aber heute bricht man sich keine Arme, Beine oder Fußzehen mehr. Heute gehen allerhöchstens Smartphone-Displays zu Bruch. Und heute wird das Ferienhaus auch nicht mehr nach der kürzesten Entfernung zum Strand ausgewählt, sondern danach ob es WLAN besitzt oder nicht. Unser diesjähriges Sommer-Urlaubs-Verkaufsgespräch im Kreise unserer Kinder begannen wir deshalb so:

„Stellt Euch vor, wir fahren in den Urlaub dahin, wo es im Sommer praktisch nie richtig dunkel wird. Das ist ganz da oben im Norden. Da wo der Weihnachtsmann wohnt. Worauf unsere Tochter erwiderte: Willst Du mich veralbern? Seit wann gibt es den Weihnachtsmann? Ich holte aus: „Naja, Du weißt schon, da wo man sich erzählt, dass er angeblich dort leben soll. Also jedenfalls wird es dort fast nie dunkel im Sommer. Das heißt Du darfst sehr lange aufbleiben. Wir können mit dem Boot raus fahren und richtige Fische angeln. Es gibt Schluchten und Seen und Fjorde und man sagt, dass die trolligsten Trolle dort leben“, hauchte ich geheimnisvoll. „Aha“ erwiderte Kind Nr. 3 etwas altklug. Und jetzt kommt das Beste, das habt Ihr noch nieeeee gesehen: „Unser Haus hat Gras auf dem Dach“, quietsche ich vergnügt und klatsche dabei in die Hände wie eine 4-Jährige. Was unsere Kinder skeptisch werden ließ. „Unser Haus hat also Gras auf´m Dach. Und hat es auch WLAN“? Pause. “Nein, hat es nicht“, knirsche ich leicht verunsichert mit den Zähnen. „Auch keinen Strom, kein fließend warmes Wasser und keine eigene Zufahrt, in die wir mit unserem Wagen komfortabel einfahren und parken können. Erreichen werden wir unser Ferienhaus übrigens nur per 2-stündigem Fußmarsch. Das bedeutet wir müssen Proviant und Kleidung selbst auf dem Rücken schleppen. Wasser holen wir selbst aus der nahe gelegenen Quelle und Holz für den Ofen müssen wir selbst schlagen. Unser Essen müssen wir selbst zubereiten. Mit dem Boot fahren wir nicht aus romantischen Gründen hinaus. Wir werden die Fische, die wir fangen nicht wieder zurück ins Wasser werfen. Wir werden sie essen, wenn wir selbst nicht verhungern wollen.“ rede ich mich langsam aber sicher in Rage. Kleinlaut fragen unsere Kinder zur Sicherheit nochmal nach: „Und du bist wirklich sicher, dass es dort überhaupt kein klitzekleines bisschen WLAN gibt“? Nope, nothing. Auch kein Facebook, kein Whatsapp, kein Snapchat. Es gibt nichts zu liken, zu bloggen, zu chatten zu snapchatten zu googlen oder youtuben. Das einzige was ihr abonnieren könnt, ist ein Spieleabend mit Euren Eltern. „Aber warum machen wir das?“ Schreien alle wild durcheinander. Wir machen das, weil es ein Unterschied ist, ob Du einen Fisch nur aus dem Buch kennst oder ob er dir die Schwanzflosse um die Ohren haut. Weil es ein Unterschied ist, ob du ein Konzert auf youtube verfolgst oder abends die Gitarre selbst in die Hand nimmst. Weil es ein Unterschied ist, ob dir der Schweiß den eigenen Rücken runter läuft, weil du es bis auf diesen Berg geschafft hast, oder ob Du ein Foto auf Instagram like-st. Weil es ein Unterschied ist, ob du aus voller Kehle lauthals lachst oder noch den passenden Emoji suchen musst. Wir machen das, weil wir Menschen sind. Echte. Und weil es da draußen eine echte Welt gibt, in der es soviel zu entdecken gibt. Ich will dass ihr es seht mit euren eigenen Augen. Hört mit euren eigenen Ohren. Ich will dass ihr Gänsehaut bekommt und Erinnerungen, die für immer bleiben auf eurer eigenen Festplatte. Im Kopf. Stolz zeige ich auf die Krone über meinem rechten Schneidezahn: Wisst Ihr, warum ich die habe? Einmal im Urlaub haben wir Zirkus gespielt. Ich war der Frosch, der etwas zu hoch gesprungen war und dabei etwas zu hart gelandet ist. Der Zahn war ab, aber ich habe trotzdem ziemlich viel Applaus bekommen. Manchmal springt man im Leben eben einfach mal zu hoch und landet zu hart. Und genau dann ist es gut, wenn Du weißt wie Du Feuer machen kannst, damit Dir wieder warm wird.

Mein Blog wird also für die nächsten 2 Wochen ruhen. Ich werde nicht in Echtzeit berichten, weil ich gerade im echten Leben bin. Aber ich erzähle Euch von unserem Experiment „Offline Camp“ und ob unsere Kinder diese Zeit überlebt haben, wenn wir zurück sind.