Expedition Offline – Teil 1

Ich weiß noch genau wie unsere Urlaube waren, als ich noch klein war. Meistens sind wir mit unseremTrabant an den Senftenberger See gefahren und haben dort mit den polnischen Kindern aus dem Nachbar-Bungalow Federball gespielt. Oder Schnipsel gejagt. Oder Regenwürmer gerettet. Wir haben den ganzen Tag Kunststücke geübt und abends unseren Eltern Zirkus vorgespielt. Irgendwas ist dabei immer zu Bruch gegangen. Zum Beispiel das Schlüsselbein meiner Schwester oder mein rechter Schneidezahn. Aber heute bricht man sich keine Arme, Beine oder Fußzehen mehr. Heute gehen allerhöchstens Smartphone-Displays zu Bruch. Und heute wird das Ferienhaus auch nicht mehr nach der kürzesten Entfernung zum Strand ausgewählt, sondern danach ob es WLAN besitzt oder nicht. Unser diesjähriges Sommer-Urlaubs-Verkaufsgespräch im Kreise unserer Kinder begannen wir deshalb so:

„Stellt Euch vor, wir fahren in den Urlaub dahin, wo es im Sommer praktisch nie richtig dunkel wird. Das ist ganz da oben im Norden. Da wo der Weihnachtsmann wohnt. Worauf unsere Tochter erwiderte: Willst Du mich veralbern? Seit wann gibt es den Weihnachtsmann? Ich holte aus: „Naja, Du weißt schon, da wo man sich erzählt, dass er angeblich dort leben soll. Also jedenfalls wird es dort fast nie dunkel im Sommer. Das heißt Du darfst sehr lange aufbleiben. Wir können mit dem Boot raus fahren und richtige Fische angeln. Es gibt Schluchten und Seen und Fjorde und man sagt, dass die trolligsten Trolle dort leben“, hauchte ich geheimnisvoll. „Aha“ erwiderte Kind Nr. 3 etwas altklug. Und jetzt kommt das Beste, das habt Ihr noch nieeeee gesehen: „Unser Haus hat Gras auf dem Dach“, quietsche ich vergnügt und klatsche dabei in die Hände wie eine 4-Jährige. Was unsere Kinder skeptisch werden ließ. „Unser Haus hat also Gras auf´m Dach. Und hat es auch WLAN“? Pause. “Nein, hat es nicht“, knirsche ich leicht verunsichert mit den Zähnen. „Auch keinen Strom, kein fließend warmes Wasser und keine eigene Zufahrt, in die wir mit unserem Wagen komfortabel einfahren und parken können. Erreichen werden wir unser Ferienhaus übrigens nur per 2-stündigem Fußmarsch. Das bedeutet wir müssen Proviant und Kleidung selbst auf dem Rücken schleppen. Wasser holen wir selbst aus der nahe gelegenen Quelle und Holz für den Ofen müssen wir selbst schlagen. Unser Essen müssen wir selbst zubereiten. Mit dem Boot fahren wir nicht aus romantischen Gründen hinaus. Wir werden die Fische, die wir fangen nicht wieder zurück ins Wasser werfen. Wir werden sie essen, wenn wir selbst nicht verhungern wollen.“ rede ich mich langsam aber sicher in Rage. Kleinlaut fragen unsere Kinder zur Sicherheit nochmal nach: „Und du bist wirklich sicher, dass es dort überhaupt kein klitzekleines bisschen WLAN gibt“? Nope, nothing. Auch kein Facebook, kein Whatsapp, kein Snapchat. Es gibt nichts zu liken, zu bloggen, zu chatten zu snapchatten zu googlen oder youtuben. Das einzige was ihr abonnieren könnt, ist ein Spieleabend mit Euren Eltern. „Aber warum machen wir das?“ Schreien alle wild durcheinander. Wir machen das, weil es ein Unterschied ist, ob Du einen Fisch nur aus dem Buch kennst oder ob er dir die Schwanzflosse um die Ohren haut. Weil es ein Unterschied ist, ob du ein Konzert auf youtube verfolgst oder abends die Gitarre selbst in die Hand nimmst. Weil es ein Unterschied ist, ob dir der Schweiß den eigenen Rücken runter läuft, weil du es bis auf diesen Berg geschafft hast, oder ob Du ein Foto auf Instagram like-st. Weil es ein Unterschied ist, ob du aus voller Kehle lauthals lachst oder noch den passenden Emoji suchen musst. Wir machen das, weil wir Menschen sind. Echte. Und weil es da draußen eine echte Welt gibt, in der es soviel zu entdecken gibt. Ich will dass ihr es seht mit euren eigenen Augen. Hört mit euren eigenen Ohren. Ich will dass ihr Gänsehaut bekommt und Erinnerungen, die für immer bleiben auf eurer eigenen Festplatte. Im Kopf. Stolz zeige ich auf die Krone über meinem rechten Schneidezahn: Wisst Ihr, warum ich die habe? Einmal im Urlaub haben wir Zirkus gespielt. Ich war der Frosch, der etwas zu hoch gesprungen war und dabei etwas zu hart gelandet ist. Der Zahn war ab, aber ich habe trotzdem ziemlich viel Applaus bekommen. Manchmal springt man im Leben eben einfach mal zu hoch und landet zu hart. Und genau dann ist es gut, wenn Du weißt wie Du Feuer machen kannst, damit Dir wieder warm wird.

Mein Blog wird also für die nächsten 2 Wochen ruhen. Ich werde nicht in Echtzeit berichten, weil ich gerade im echten Leben bin. Aber ich erzähle Euch von unserem Experiment „Offline Camp“ und ob unsere Kinder diese Zeit überlebt haben, wenn wir zurück sind.

Zähne zusammenbeißen !

Ich hatte mir für den diesjährigen Theater-Sommerball extra ein tolles Sommerkleid in rot gekauft. Eins, das die entscheidenden Schwachstellen meines 42 Jahre alten Körpers gut kaschiert, aber trotzdem schick aussieht und perfekt passt, zu meinem gold schimmernden Teint, den ich mir extra für dieses Event im Solarium zulegen wollte. Zu diesem gold schimmerndem Teint hatte ich mir extra ein Paar goldene Schuhe mit einem goldenen 10 cm – Absatz bestellt. Ich wollte für eine besondere Frisur zum Friseur zu gehen und mir außerdem einen nigelnagelneuen Nagellack, natürlich aus dem Hochpreis-Segment gönnen, der perfekt zum Rot meines Kleides passen sollte. Ich schaue auf die Uhr, es ist 18.36 Uhr. Normalerweise müsste ich jetzt längst unter irgendeiner Trockenhaube sitzen und mindestens die Fussnägel sollten für meine 10 cm hohen Sandaletten perfekt gestylt sein. Sind sie aber nicht. Genauso wenig wie der Rest von mir. Denn normalerweise sollten es jetzt auch angenehme 25 Grad im Schatten sein, die zu einer lauen Sommernacht im Englischen Garten einladen. Stattdessen lungere ich zusammen mit unserer nigelnagelneuen British-Langhaar-Katze auf unserer Couch herum und schaue zu wie es Bindfäden regnet. Wozu also beeilen? Mein rotes Kleid passt ohnehin nicht zum Wetter. In den 10 cm Absätzen kann ich keine 3 Meter laufen, geschweige denn tanzen. Ich habe es mal wieder nicht geschafft ins Solarium zu gehen, deshalb ist mein Teint nicht goldig, sondern altrosa wie immer und einen rubinroten Nagellack für die 20 Nägel meines Körpers habe ich auch nicht. Ich friere schon allein beim Anblick meines Kleides und das einzige was momentan zu diesem Tag und diesem Wetter passt, sind meine Haare, die lassen mich ebenfalls ziemlich hängen. „Meine Füße werden morgen gefühlte 250 Blasen haben und ich werde laufen wie auf Eiern“, jammere ich vor mich hin. Bis mich meine Tochter mit ernster Miene und wenig kompromissbereit auffordert: „Du ziehst jetzt dieses Kleid und diese Schuhe an und beißt gefälligst die Zähne zusammen. Das macht man so auf dem roten Teppich.“
Na dann. Auf los, geht’s los. 
Was tut man nicht alles für die Kinder;-)